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15. Dezember 2021

Am 7. September 2021 hieß es auch in diesem Jahr wieder: Zeit für die FASZINATION HANDEL, dem Jahresevent der IFH FÖRDERER. Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer leider auch in diesem Jahr wieder auf die persönliche Begegnung in den Räumen der Universität zu Köln verzichten mussten, so war der Tag dennoch vollgepackt mit inspirierenden Impulsen. Das Kernthema der Veranstaltung: „Stadt und Handel neu denken – Zukunft gestalten.“

Dass es bei der Frage nach der Attraktivität von Stadtzentren um viel mehr geht als „nur“ um den Handel, wurde bereits bei der Eröffnung der FASZINATION HANDEL 2021 durch Moderator Dr. Kai Hudetz und Gastgeber Professor Dr. Werner Reinartz deutlich. Nicht ohne Verweis auf das anstehende Programm betonte Reinartz, wie wichtig es sei, alle Stakeholder der Innenstadt an einen Tisch zu bekommen, um langfristig Attraktivität zu sichern.

Professor Dr. Werner Reinartz: „Vom Place of Commerce zum Place of Experience”

Dass die Attraktivität von Innenstädten unbedingt gesichert werden müsse, stehe außer Frage, stellte Professor Dr. Werner Reinartz, Direktor der IFH FÖRDERER, direkt zu Beginn seines Eröffnungsvortrages klar. In seinem Impuls stellte er Kernergebnisse der brandneuen IFH-Schwerpunktstudie „Innenstadthandel in Zeiten der Digitalisierung“ vor. Die Studie untersucht unter anderem auf Basis der letzten vier Erhebungswellen der „Vitalen Innenstädte“ Treiber der Gesamtattraktivität und bietet Anknüpfungspunkte für insgesamt fünf Typen von Innenstädten.

 

Die gute Nachricht: Die empfundene Gesamtattraktivität der analysierten Stadtzentren nimmt in den letzten Jahren signifikant zu. Und obwohl nur Passantinnen und Passanten befragt wurden, könnte dies – so Reinartz – auch ein Ergebnis der vielfältigen ergriffenen Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung sein. Zwar gelte: „Je größer eine Stadt, desto höher die wahrgenommene Attraktivität“, aber: bei kleineren Städten sei die Verbesserung der Gesamtattraktivität stärker ausgeprägt. Im Folgenden wurden die einzelnen Treiber der Gesamtattraktivität näher erläutert. So zahlt beispielsweise im Bereich Erreichbarkeit die Erreichbarkeit der Innenstadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln stark auf die Gesamtattraktivität ein. Und wenig überraschend: Je größer die Stadt, desto besser wird das Einzelhandelsangebot bewertet. Aber auch hier können zunehmend kleinere Städte ihre individuellen Pluspunkte ausspielen. Denn während die Einkaufsmöglichkeiten in größeren Städten über die Jahre hinweg durchschnittlich an Attraktivität verlieren, nimmt die Attraktivität in kleineren Städten eher zu. Grund hierfür, so Reinartz: „Das Internet ist der große Gleichmacher. Große Städte können den Vorteil der Angebotsvielfalt in Zeiten des Onlinehandels nicht mehr so ausspielen, wie noch vor einigen Jahren.“

Wo Städte ansetzen können, um ihre Attraktivität zu steigern, zeigt die Clusteranalyse, die fünf Innenstadttypen mit jeweils eigenen Stärken und Schwächen unterscheidet: Die „unnahbare Schöne“, die „unterschätzte Alleskönnerin“, die „pragmatische Einkaufsstadt“, die „attraktive Einkaufsstadt“ und die „kleine Versorgerstadt“. 

Besonders wichtig aus Reinartz‘ Sicht: „Städte müssen sich von einem „place of commerce“ zu einem „place of experience“ entwickeln.

Julia Erdmann: „Innenstädte neu denken – ganzheitlich, individuell, menschlich“

Im zweiten Vortrag der FASZINATION HANDEL stellte Julia Erdmann von JES (Julia Erdmann Socialtecture) ihren Ansatz für die Innenstadt von morgen vor und brachte neben wichtigen Denkanstößen auch Beispiele aus der Praxis mit. Ein Schlüssel seien Mixed-Use-Konzepte, die sich standort- und stadtindividuell unterscheiden. Die funktionsgetrennte und autogerechte Stadt, wie sie seit den 1920er Jahren vorherrsche, sei nicht mehr zeitgemäß. Das Leitbild heute sei die funktionsgemischte und lebenswerte Stadt – auch und vor allem unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten. Wie der Prozess dorthin aussehen kann, lieferte Julia Erdmann gleich mit. Ihre Herangehensweise ist ein Ko-kreativer Prozess mit allen Beteiligten vor Ort an dessen Ende ein „Placemaking“ steht. Wichtig für diesen Prozess sind aus ihrer Sicht drei Sichtweisen auf die Innenstadt: Stadtzentren müssen ganzheitlich, individuell und menschlich gedacht werden. Innenstädte müssen als Gesamtorganismus vorangebracht werden, der Kern der jeweiligen Stadt muss im Mittelpunkt stehen und die Menschen, die den Ort ausmachen, müssen eine tragende Rolle spielen. Bei aller konzeptioneller Stärke plädierte Erdmann aber auch dafür, „einfach mal zu machen“. Vieles ergebe sich auch im Prozess und Probleme ließen sich nicht mit denjenigen lösen, die sie verursacht hätten.

 

eBay: Wie ein Digitalriese lokalen Handel ins Netz bringt

Einen weiteren Ansatz, wie lokaler und digitaler Handel erfolgreich verknüpft werden kann, präsentierte Oliver Klinck, Geschäftsführer von eBay Deutschland. Seine Herzensangelegenheit: Digitalen und lokalen Handel mehr verknüpfen und zusammen denken. eBay hat dazu das Projekt „eBay deine Stadt“ auf den Weg gebracht. Im April 2021 gestartet, sind mittlerweile 20 Städte an Bord – und weitere stehen in den Startlöchern. Die Idee dahinter ist genauso einfach wie komplex: Den lokalen Handel nachhaltig stärken. Dazu bietet eBay die Plattform, damit Städte eigene, lokale Onlinemarktplätze kreieren können. Ein Ansatz, der ankommt. Aber der Experte berichtet auch von Hürden.

Oft werde eBay noch in erster Linie als Consumer-to-Consumer-Plattform wahrgenommen – dabei steige der Business-to-Consumer Anteil immer mehr an. Entwicklungen auf der Onlineplattform, die Händler unbedingt im Auge behalten sollten. Der Glaube vieler Händler ihre Kund:innen würden online nicht einkaufen, sei schlicht falsch. Viele scheuten sich noch, online aktiv zu werden. Dabei brauche es am Anfang gar nicht viel: „PC und Smartphone reicht, eBay bietet die Technik.“ Abschließend brachte der Referent zwei Bitten an:  Neben dem dringenden Appell, stationär und digital mehr zusammen zu denken, verwies er die Teilnehmer:innen auf unwetterhilfe.de. Eine Initiative, die eBay gemeinsam mit dem HDE zur direkten Unterstützung der von der Flutkatstrophe betroffenen Händler geschaffen hat.

ANWR: Ein Best Practice aus der Bonner City

Nach so viel geballten Inhalten ging es nach einer kurzen Kaffee- und Verschnaufpause direkt weiter mit einem Deep Dive in die Praxis. Mit Frank Schuffelen, Sprecher des Vorstands ANWR Group, bekamen die Teilnehmenden der FASZINATION HANDEL 2021 einen Einblick, wie Omni-Channel erfolgreich umgesetzt werden kann. In seinem Vortrag „Die Rolle des stationären Einzelhandels in der Innenstadt der Zukunft“ zeigte Schuffelen am Beispiel des Bonner Laufladens „Absolut Run“, wie stationäre und digitale Exzellenz erfolgreich ineinandergreifen kann und so schlussendlich auch zum Umsatzplus führt. Wie das dann in der Praxis aussieht? Kundenansprache auf Social Media, wo es nicht nur um Produkte geht, sondern auch um den Laufsport und seine Protagonist:innen – bestehende und potenzielle Kundinnen und Kunden – die sich hier vernetzen können. Und natürlich: Ein professioneller Onlineshop und Click&Collect.

Die verlängerte Ladentheke hinein in den Onlinebereich müssten Händler unbedingt nutzen, so der Aufruf des Experten. Wie viele Händler es denn aktuell gebe, die bereits mit einer derart professionellen und erfolgreichen Verknüpfung von online und stationär unterwegs seien, möchte einer der Teilnehmenden in der anschließenden Q&A-Session wissen. Schuffelens Antwort ist klar: „Wir brauchen mehr davon! Für viele ist es aktuell sehr schwer, es müssen individuelle Konzepte her!“

Testen, probieren, austauschen!

Individuelle Konzepte hat man in Mönchengladbach bereits erprobt. Im letzten Vortragsslot stand mit Dr. Ulrich Schückhaus von der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach ein Insider aus Perspektive der Städte auf der Bühne. Denn natürlich darf es bei dem Thema Stadt und Handel nicht versäumt werden, auch die Städte selbst zu fragen: „Wo steht ihr? Was hat Corona gemacht?“ Diese Fragen stellte Boris Hedde, Geschäftsführer des IFH KÖLN, im Praxistalk dem Gast aus Mönchengladbach, der live im Studio zu Gast war. „Corona hat sehr weh getan,“ gibt dieser eingangs zu und fordert neue Lösungen und Konzepte, die insbesondere junge Menschen wieder in die Städte kommen lassen. Wie das aussehen kann?

FASZINATION HANDEL 2021: Digitaler Vortrag von WiFo Mönchengladbach

 

Man muss auf den wachsenden Onlinehandel reagieren, so der Experte. In der nordrhein-westfälischen Großstadt hat man dazu die FashionBox installiert, ein Ladengeschäft in der Innenstadt, in dem online bestellte Ware anprobiert, abgeholt oder retourniert werden kann. Möglich gemacht wurde das durch Fördergelder des Landes NRW. Schückhaus weiß also: Neue Ideen und Projekte müssen angestoßen und einfach ausprobiert werden. Aber er mahnt auch, im Anschluss an die Startfinanzierung die weitergehende Finanzierung im Blick zu haben. Und: „Multifaktoriell denken!“ Denn nicht jedes Ladenlokal könne mit Einzelhandel bespiet werden. Dazu sei unumgänglich, dass Immobilienbesitzer umdenken, denn aktuelle und bereits drohende Leerstände seien in erster Linie auf die steigenden Mieten zurückzuführen. Wie sich die Situation in vielen Städten und Kommunen weiterentwickelt, bleibe spannend, so Boris Hedde, und verspricht: „Wir bleiben dran und beobachten, was Corona sonst noch anstößt.“ Eine Plattform zum Austausch bieten unter anderem die Stadtretter, wo Mönchengladbach auch Mitglied ist.

Was bleibt nun von der FASZINATION HANDEL 2021?

Zum abschließenden Resümee des Tages darf IFH FÖRDERER-Direktor und Gastgeber Prof. Dr. Werner Reinartz natürlich nicht fehlen. Zusammen mit Kai Hudetz unterstreicht er nochmals: „Um Städte erfolgreich voranzubringen, ist es wichtig, dass verschiedene Stakeholder in den Austausch treten.“ Kooperation zwischen Städten und Kommunen sei das A und O. Und: Die Abstimmung von analog und digital müsse in den Vordergrund rücken. Dabei sei der Faktor Mensch unumgänglich. So schließt Kai Hudetz mit den Worten: „Am Ende sind es Menschen und individuelle Ideen, die den Unterschied machen“. Ein motivierender Schluss, der gespannt auf die nächste FASZINATION HANDEL macht. 2022 wieder mit spannenden neuen Themen und Inhalten, die den Handel bewegen – und dann auch hoffentlich wieder in Präsenz in den Räumlichkeiten der Universität zu Köln. 

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