
Zölle, Produktionsherkunft und geopolitische Unsicherheiten stellen Unternehmen vor große Herausforderungen. Wie sie sich agil auf neue Regulierungen einstellen, ihre Lieferketten flexibel gestalten und sogar neue Potenziale erschließen können, erläutert Sonja Zimmermann, Senior Strategic Partner Manager EMEA bei unserem ECC CLUB Mitglied Fluent Commerce, im Interview.
Die Unsicherheit rund um Zölle – insbesondere in den USA – beschäftigt aktuell viele Unternehmen. Ist das wirklich ein neues Problem?
Überhaupt nicht. Tatsächlich sind diese Herausforderungen im Order Management und in der Lieferkette nichts Neues – und sie wurden bereits auf unterschiedliche Weise gelöst. Zollschwankungen stehen zwar ganz oben auf der Agenda, aber es gibt heute klare, umsetzbare Lösungen, die weit über politische Diskussionen hinausgehen.
In den letzten Monaten gab es über zehn Zoll bezogene Ankündigungen – von geplanten Maßnahmen bis hin zu Aussetzungen. Ein konkreter Fall: Am 2. April 2025 kündigte die US-Regierung neue Grundzölle von 10 % auf alle Importe an – für bestimmte Länder sogar bis zu 50 %. Unternehmen brauchen in solchen Situationen eine schnelle, flexible und reversible Reaktion.
Wie sieht so eine Reaktion in der Praxis aus?
Eine italienische Marke produziert denselben Artikel (Stock Keeping Unit - SKU) sowohl in der Türkei als auch in Italien. Für eine gewisse Zeit blockierte Land X den Import türkischer Waren, aber das Unternehmen reagierte blitzschnell: die Einführung eines neuen Bestandsattributs: „Ursprungsland“. Eine Regel im Order Sourcing: „Kein Bestand aus der Türkei für Bestellungen nach Land X“. Sobald die Sanktionen aufgehoben wurden, konnte die Regel wieder entfernt werden. Dieses Szenario nennt sich intern „Made-In-Regel“ – und tritt in vielen Varianten auf.
Zwei weitere Beispiele aus anderen Branchen sind:
Möbelhändler aus Kanada: Diese verkaufen Sets (z. B. Tisch & Stühle) unter einer SKU. Land X verlangt aber, dass alle Bestandteile aus demselben Werk stammen. Lösung: Einführung des Attributs „Produktionsstätte“ mit einer Regel für Bestellungen nach Land X. Ergebnis: Konforme Lieferungen, keine Strafzahlungen.
Luxusschmuckmarke aus Frankreich: Bestimmte Edelmetalle müssen in Großbritannien „gehallmarkt“ werden – ein teurer Prozess. Lösung: Nur Bestand aus britischer Produktion für Bestellungen nach UK nutzen.
Was ist, wenn ein Unternehmen kein dichtes Standortnetz hat?
Dann braucht es kreative Strategien, etwa die Kombination von Fulfillment- und Store-Strategien.
Ein Beispiel: Warenhauskette mit geringen Online-Warenkörben
→ Ziel: Marge erhöhen ohne Mindestbestellwert.
→ Lösung: Kund:innen gezielt zur Abholung im Geschäft führen und vor Ort Zusatzkäufe ermöglichen.
Welche Rolle spielt dabei die Filiale?
Eine zentrale. Hier lohnt sich ein Blick auf das Modell „Ship from Store“. Gerade bei internationalen Lieferungen und hohen Lagerkosten kann der Versand aus der Filiale enorm helfen: Filialen als Mini-Logistikzentren, Direktbelieferung vom Hersteller an die Filialen, Regionale Zustellung – kosteneffizient und zollsparend! Einige Unternehmen nutzen dieses Modell sogar, um neue Märkte risikoarm zu testen, bevor sie ein großes Lager aufbauen.
Welche langfristigen Erkenntnisse zieht man daraus?
Zwei Dinge: 1) Vertrauen in eine flexible Lösung hilft, Unsicherheiten wie Zölle schnell zu adressieren. 2) Kreativität und Technologie können nicht nur Probleme lösen, sondern auch neue Umsatzquellen erschließen.
Wie Thomas O’Connor (Gartner) auf dem Supply Chain Symposium sagte: „Geografische Expansion ist eine der wichtigsten Wachstumsstrategien – getrieben durch die Notwendigkeit, Risiken in einem volatilen Umfeld zu diversifizieren.“ Zölle sind letztlich nur eine neue Variable in einem bekannten Spiel. Die Spielregeln kann man – mit der richtigen Architektur – flexibel gestalten.






