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30. September 2025

Die Quintessenz neuer, sehr großer Bewegungsanalysen ist verblüffend einfach: Die Stadt formt unser Verhalten. Nicht nur aktive Menschen ziehen in „gute“ Quartiere – wenn ein Mensch in eine fußgängerfreundlichere Stadt zieht, geht er automatisch mehr zu Fuß. Und zwar spürbar. 

Ausgewertet wurden anonymisierte Smartphone-Daten von rund 2 Mio. Personen; darin enthalten sind ca. 5.400 Umziehende zwischen ~1.600 US-Städten. Dieses natürliche Vorher-/Nachher-Experiment zeigt: Wer von weniger fußgängerfreundlich nach fußgängerfreundlich umzieht, macht im Schnitt ca. 1.100 Schritte mehr pro Tag – das sind etwa 11 Minuten zusätzliche Alltagsbewegung, ohne Sporttasche, einfach im täglichen Tun. Der Effekt ist symmetrisch: Zuzug nach New York City = +1.400 Schritte, Wegzug = −1.400 Schritte. In Städten wie Chicago oder Philadelphia stiegen die Schritte teils um ~29 Prozent, in New York sogar um ~32,5 Prozent. 

Wichtig: Es sind nicht irgendwelche Schritte, sondern überwiegend zügiges Gehen (MVPA - moderate-to-vigorous exercise) – genau jene Intensität, die Ärzte zur Krankheitsprävention empfehlen. Ein Umzug in ein sehr fußgängerfreundliches Umfeld kann rund eine Stunde solcher „gesundheitswirksamen“ Aktivität pro Woche addieren und verdoppelt nahezu die Chance, die nationalen Empfehlungen (150 Min./Woche) zu erreichen – von 21,5 Prozent auf 42,5 Prozent. Umzüge zwischen ähnlich „gehfreundlichen“ Städten zeigen dagegen keinen Effekt. Die Botschaft ist klar: Die gebaute Umwelt ist ein Hebel – kein Lifestyle-Zufall. 

Was heißt das für die Praxis? 

Für Stadtplanung und Politik 

  • Nahziele stapeln: Dichte, Mischnutzung, kurze Blocklängen, viele Querungen – je mehr alltägliche Ziele in 5–15 Minuten erreichbar sind, desto mehr Schritte. 
  • Fußwege als Infrastruktur behandeln: Lückenlose, breite Gehwege, Barrierefreiheit, Schatten (Bäume), Sitzgelegenheiten, Beleuchtung, sichere Kreuzungen. 
  • Tempo runter, Sicherheit rauf: Verkehrsberuhigung, Ampelzeiten pro Fuß, Schul- und Seniorenrouten priorisieren. 
  • Korridore der Bewegung definieren: Durchgehende Achsen, die ÖPNV-Halte, Parks, Märkte und Zentren verbinden – inkl. Wegweisung und attraktiver Kanten (Schaufenster statt Parkrampen). 
  • Placemaking statt Parkplätze: Aufenthaltsqualitäten, Wochenmärkte, Pocket-Parks, wassergebundene Flächen – dort entstehen Schritte und Verweildauer. 

Für Händler und Center-Betreiber 

  • Standortstrategie am Fußverkehr ausrichten: Ecken, Querungen und ÖPNV-Knoten bringen Frequenz. 
  • Aktive Erdgeschosse: Transparente Fassaden, kurze Ladenbreiten, häufige Eingänge, kleine Einheiten (auch Pop-ups) – sie „takten“ den Fußweg. 
  • ‚Schritt-magnetische‘ Services: Click-&-Collect, Schaufenster-Inszenierungen, Außengastronomie, Mikro-Events entlang der Bewegungsachsen. 
  • Kooperation mit der Stadt: Gemeinsame Möblierung, Beleuchtung, Wegweisung, Markt- und Eventkalender – Frequenz ist Gemeinschaftsprodukt. 

Für Konsument:innen und Wohnungswirtschaft 

  • Gesund wohnen: Quartiere mit kurzen Wegen, vielen Zielen und sicherer Fuß-/Rad-Infrastruktur erhöhen ganz automatisch die tägliche Bewegung – ohne Extra-Zeitbudget. 
  • Alltag „zu Fuß“ denken: Arzt, Kita, Einkauf, Haltestelle – wenn 80 Prozent der Wege <1 km sind, stimmen Gesundheit, Zeitbilanz und Lebensqualität. 

Planungsausblick: Attraktive Städte für Shopper 

Wer Fußgängerfreundlichkeit planungsrechtlich belohnt (Mischnutzung, Erdgeschosse, geringe Stellplatzschlüssel), wer Straßenräume als Aufenthalts- und Bewegungsräume entwirft und wer Fußverkehrsdaten als Leitgröße nutzt, steigert gleichzeitig Gesundheit, Frequenz und Umsatz. Für Innenstadtstrategien heißt das: weniger Barrieren, mehr Ziele, mehr Gründe zu bleiben. Das ist Standortförderung und Public Health in einem. 

Bottom line: Stadtplanung ist Gesundheitspolitik – und Frequenzstrategie. 

Wer in Gehfreundlichkeit investiert, macht ganze Bevölkerungen aktiver und Innenstädte attraktiver. 

Althoff, T., Ivanovic, B., King, A.C. et al. Countrywide natural experiment links built environment to physical activity. Nature 645, 407–413 (2025). https://doi.org/10.1038/s41586-025-09321-3  

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