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Spannende Projekte aus der IFH Welt
22. Februar 2021

Nicht erst seit der Coronakrise stehen die deutschen Innenstädte unter Druck. Frequenzrückgänge und Strukturwandel sind nur zwei Aspekte, unter denen die Zentren schon seit einiger Zeit leiden. Mit der Studie Vitale Innenstädte geht das IFH KÖLN nun bereits zum vierten Mal möglichen Wegen für eine lokale Revitalisierung auf den Grund. Boris Hedde, Co-Autor der Studie, erläutert im Interview, welche Handlungsempfehlungen aus den Ergebnissen der Studie gezogen werden können.

In der Studie konnten, entgegen vieler Vermutungen, kleinere Städte besser abschneiden. Wie ist das zu erklären und was bedeutet das für deren Zukunft?

Es gibt zwei Faktoren, die sich als Ursache ableiten lassen: Zum einen ist die Verwurzelung der Besucher:innen in kleinen Städten oftmals stärker und damit der Wunsch der Unterstützung lokaler Beteiligter größer. Zum anderen sind die Innenstadtlagen oftmals auch alternativloser, d.h. Besucher:innen haben in kleineren Städten weniger Alternativlösungen. Daraus ließe sich ableiten, dass kleinere Städte eine bessere Perspektive haben. Das wäre aber fatal. Denn gerade hier werden sich die Probleme nach der Krise potenzieren, wenn die großen Handelsunternehmen im Rahmen ihrer Restrukturierung nach der Krise das Standortportfolio reduzieren werden. Dies wird gerade kleinere Standorte besonders treffen. Deshalb sind Verantwortliche dort nun besonders gefordert, die Standortattraktivität zu erhöhen.

Ihr habt sechs Stellschrauben als strategische Hebel zur lokalen Erneuerung identifiziert. Welche sind das und wieso sind genau diese so wichtig für die Innenstädte?

Wir haben die Ergebnisse der knapp 58.000 persönlich und lokal geführten Interviews zusammengefasst und überregional ausgewertet. Daraus haben wir sechs relevante Stellschrauben für die Revitalisierung nach dem Lockdown abgeleitet: (1.) die treuen und weiterhin anzutreffenden Besucher:innen der Innenstadt, (2.) der Einzelhandel als lokale Größe, (3.) der anzustrebende Erlebniswert vor Ort, (4.) der digitale Reifegrad des Handelsstandorts, (5.) die Bespielung lokal anzutreffender Communities sowie (6.) der Einsatz ganzheitlicher Stadtkonzepte. Wir haben stets gesagt: „alle Macht geht von den Besucher:innen aus“. Entsprechend sind deren Ansichten jetzt zu nutzen, um Zielbilder, Strategien und Maßnahmen zu entwickeln. Genau hier setzen die Stellschrauben an: Sie sollen lokal Verantwortlichen helfen, datenbasiert und zielgruppenorientiert den Weg durch einen oftmals wegen lokaler Strömungen und Einzelinteressen schwierigen Entscheidungsprozess zu finden.

„Alle Macht geht von den Besucher:innen aus“: Wie kann das konkret umgesetzt werden und worauf muss man bei zielgruppenorientierten Konzepten besonders achten?

Die beste Idee – auch wenn sie von der am besten vernetzen oder hierarchisch am höchsten positionierten Person kommt – ist nichts, wenn sie die Interessen und Wünsche der lokalen Besucher*innen nicht berücksichtigt. Für eine gelebte Besucherzentrierung ist es entsprechend enorm wichtig, stets aus deren Blickwinkeln Ideen herzuleiten und zu bewerten. Hier wird bei jedem lokalen Stadtprojekt über Erfolg und Misserfolg entschieden. Deshalb ist es auch so wichtig, bei Zielgruppenkonzepten den Community-Gedanken zu nutzen und zu bespielen. Im besten Fall ist bei der Entwicklung und Implementierung einer Strategie oder einzelner Maßnahmen die Besucherperspektive so sicherzustellen, dass eine Partizipation dieser Communities in den Prozess eingebaut wird. Es gibt mittlerweile so viele Methoden und Ansätze, die Bürgerpartizipation vor Ort oder aber auch digital zu erwirken. Die zunehmende breite Bereitschaft dafür sehen wir auch in unseren Projekten mit lokalen Kunden:innen.

Es wurde deutlich, dass ein lokaler Masterplan benötigt wird und eine systematisierte Herangehensweise gefragt ist. Welche Prozessphasen kann so ein Masterplan enthalten?

„Verstehen, planen, machen!“ heißt die Devise. Erst wird evaluiert, was die Besucher:innen und lokale Beteiligte für Erwartungen, Wünsche und Möglichkeiten haben. Daraus wird ein Zielbild entwickelt. Darauf aufbauend wird in der zweiten Phase ein Konzept erarbeitet, das konkrete Maßnahmen und Zeit- und Projektplanungen berücksichtigen sowie Organisationsaufbau und Finanzierung. In der letzten Phase geht es um die Umsetzung des Plans. Hierbei sind einerseits erste kleine Erfolge schnell zu realisieren und zudem sind Aufgaben klar zuzuordnen. Entscheidend ist eine frühzeitige Ausrichtung auf einen nachhaltigen Betrieb. Zu viele Projekte waren nicht erfolgreich, weil sie schlicht die Pilotierungsphase nie überwinden konnten. Deshalb ist auch das Thema Erfolgskotrolle in der letzten Phase des Prozesses sehr wichtig.

Zu guter Letzt: Welches Ergebnis hat dich besonders erstaunt?

Erstaunt hat mich vor allem, dass wir die Erhebung trotz Corona überhaupt umsetzen konnten. Im September hatten wir Glück, dass gerade da die Ansteckungen rückläufig waren.
Mitgenommen habe ich für mich, dass wir nicht einfach disruptiv alles umkrempeln können. Die Bedeutung der aktuell zunehmend älteren innerstädtisch anzutreffenden Zielgruppen bei gleichzeitigem Rückgang jüngerer Zielgruppen, die aber für die Zukunft wichtig sind, erfordert einen balancierten Prozess. Im besten Fall kann ein Angebot für die ältere Zielgruppe das zukünftige Angebot für jüngere Zielgruppen mitfinanzieren. Erneuerung tut in jedem Fall Not – aber eher in einem evolutionären Sinne. Deshalb wäre jetzt auch Aktionismus der falsche Ratgeber.

Die komplette Studie „Vitale Innenstädte 2020“ ist über den Shop des IFH KÖLN erhältlich.

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