Ende August endete unsere Umsetzung des Projektes HOMie in Homburg an der Saar. HOMie ist der Name eines Ladenlokals, das wir in Homburg an der Saar für Jugendliche und junge Erwachsene zum Leben erweckt haben. Mit Abschluss des Projektes ziehen wir nun nach einem Jahr Bilanz und unsere Kollegin und Projektleiterin Eva Neitzel erzählt im Interview, wie das Jahr gelaufen ist, welche Überraschungen es gab und welche Erkenntnisse für Kommunen und die Innenstadtbelebung sich daraus ziehen lassen.
Eva, nach einem Jahr HOMie: Wie würdest du das Projekt in wenigen Worten zusammenfassen?

HOMie war und ist im wahrsten Sinne ein Reallabor mitten in der Homburger Innenstadt. Wie in einem Labor üblich haben wir viel experimentiert und ausprobiert, verworfen, gelernt, abgewandelt und tolle Erfolge erzielt. Alles mit dem Ziel die Innenstadt für Jugendliche und junge Erwachsene attraktiver und somit auch langfristig vielfältiger und zukunftsfähiger zu machen.
Gab es Überraschungen – Dinge, die ganz anders liefen als geplant?
Ja, durchaus. Das gehört bei einem Projekt mit experimentellem Charakter natürlich dazu. Und so gab es Überraschungen auf kleinerer Ebene, zum Beispiel, dass bestimmte Themen und Angebote bei den jungen Menschen gefragt waren, die wir vorab so nie vermutet hätten, wie z.B. Stricktreffs oder Brettspiele. Aber auch auf größerer Ebene: Zum Beispiel war es eine große Herausforderung für uns, die Studierenden von Homburg zu erreichen, obwohl der HOMie einen ganz großen Bedarf dieser Zielgruppe erfüllt – nämlich Platz zum Lernen. Die Studierenden in Homburg kämpfen vor allem in Lernphasen damit, dass es in der Uni-Bib nicht ausreichend Lernplätze gibt.
Welche Rolle hat HOMie für die Jugendlichen in Homburg gespielt – was hat sich durch den Treffpunkt verändert?
HOMie ist für viele Jugendliche zur alltäglichen Anlaufstelle geworden. Ein Ort zum Lernen, vor allem aber auch Abhängen, Freund:innen treffen und Freizeit verbringen. Somit wurde ein Ort in der Innenstadt vom Homburg zum regelmäßigen Freizeitziel.
Zudem hat HOMie durch seine zusätzlichen Veranstaltungen das Kultur- und Freizeit-Angebot für Jugendliche in Homburg erweitert und ihnen dabei die Möglichkeit geboten sich selbst gestalterisch einzubringen. Sie wurden gefragt, was sie sich wünschen, was ihnen gefällt und hatten auch die Möglichkeit selbst Angebote zu machen. Diese Offenheit und Partizipationsmöglichkeit ist für junge Menschen oft eine ganz neue und wertschätzende Erfahrung. Nahezu jede Veranstaltung, die im HOMie stattgefunden hat (von Kleidertauschparty über Tischtennisturnier bis hin zu Frauenkreisen und Mentalcoaching) wurde aus der Zielgruppe heraus generiert.
Welche Effekte habt ihr in Bezug auf die Zusammenarbeit mit lokalen Institutionen, Vereinen oder auch dem Einzelhandel beobachtet?
Sehr große! Ich würde sagen, dass diese Art von Zusammenarbeit ein ganz zentrales Element eines solchen Jugendangebots ist. Die Kooperationen haben das Projekt zu großen Teilen mitgetragen. Wir sind also sehr dankbar, dass der HOMie in Homburg auf so viel Zuspruch gestoßen ist und diese Unterstützungsbereitschaft gegeben war. Lokale Kooperationspartner sind nämlich ganz wichtige Multiplikator:innen für jugendgerechte Projekte. Kooperationen mit lokalen Vereinen wie Space Lama e.V. oder ARTefix haben wesentlich zur Sichtbarkeit, inhaltlichen Bereicherung und lokalen Verankerung des Angebots beigetragen. Sie haben uns Synergien ermöglicht, die Vernetzung in der Stadt gefördert und uns auch dabei geholfen, neue Zielgruppen zu erreichen.
Mindestens genauso wichtig sind aber auch engagierte Peers aus der Community. Empfehlungen im Freundeskreis, geteilte Beiträge auf Social Media oder persönliche Einladungen durch Gleichaltrige wirken deutlich authentischer als klassische Werbung. Die jungen Menschen vertrauen sich und ihren Empfehlungen untereinander. Dies mündet oft darin, dass Freund:innen zu Veranstaltungen einfach mitgebracht werden.
Kooperationen und Peers wirken also als Katalysatoren für Sichtbarkeit, Teilhabe und Qualität und sind somit entscheidende Erfolgsfaktoren für die Wirksamkeit jugendgerechter Räume.
HOMie war ja als Reallabor angelegt – welche Erkenntnisse können andere Städte und Kommunen daraus ziehen?
Oh, sehr viele. Wir haben gelernt welche Angebote ziehen und welche eher nicht, wie erfolgreiche Netzwerkarbeit funktioniert, wann Partizipation langfristig gelingen kann, welche speziellen Ansprüche eine junge Zielgruppe hat und was sie braucht, um in die Innenstadt zu kommen und mit welcher Form der Ansprache und Öffentlichkeitsarbeit man sie am besten erreicht.
Unser Anspruch an das Projekt war es natürlich, neben Homburg-spezifischen, ebenfalls allgemeingültige Learnings zu generieren, die dann auch anderen Städten und Kommunen bei der Umsetzung eines solchen Projekts zur Attraktivierung der Innenstadt helfen können.
Hier beraten wir bei Interesse sehr gerne und passgenau. Städte und Kommunen können jederzeit einen Beratungstermin dazu mit uns vereinbaren.
Grundlegend möchte ich aber sagen, dass eine ganze wichtige Erkenntnis ist, dass der Prozess vor die Perfektion gesetzt werden muss. Das braucht Mut, aber wird auch belohnt, denn: Reallabore funktionieren am besten, wenn man offen bleibt, ausprobiert und es auch eine Bereitschaft dafür gibt zu scheitern und somit dann auch aus Fehlern zu lernen. Wer von Anfang an perfekt sein muss, hat eine viel geringere Lernkurve.
Wie kann so ein Projekt helfen, Leerstand zu beleben und Innenstadtbereiche langfristig attraktiver zu machen?
HOMie zeigt, wie ein leerstehendes Ladenlokal zum Anlaufpunkt werden kann und zwar durch Aktivierung mit jungen Zielgruppen, kulturellen Angeboten und sozialer Nutzung. Es schafft für junge Menschen neue Anlässe für einen Innenstadtbesuch und verlängert ebenso ihre Aufenthaltsdauer in der Innenstadt. Und wer schon mal dort ist, nimmt dann schneller mal etwas aus dem stationären Handel mit, statt es online zu bestellen oder macht Gebrauch von den anliegenden Gastro-Angeboten.
Zudem kann mit einem solchen Vorreiterprojekt auch ein Image-Wandel der Innenstadt angestoßen werden. So wird ein Signal zur Revitalisierung und einer vielfältigen Nutzungsmischung gesetzt.
Wo liegen die größten Hürden – und wie lassen sie sich überwinden?
Das schließt im Grunde gut an meinen Apell rund um Sichtbarkeit und Mobilisierung an, denn hiermit steht und fällt alles und darin liegen zugleich auch die größten Hürden. Die Zielgruppe Jugendlicher und junger Erwachsener ist über Social Media und gezielte Werbeausspielung über Paid Ads zwar vergleichsweise gut erreichbar, eine digitale Aufmerksamkeit ist aber noch lange nicht gleichbedeutend mit analoger Teilhabe. Hier gilt es wirklich herauszustechen und Anreize zu schaffen.
Eine weitere Hürde liegt in der Zielgruppe selbst. Jugendliche sind nicht wie junge Erwachsene. In dieser Lebensspanne findet für sie viel Wandel und Identitätsfindung statt, so dass man diese beiden Gruppen nicht über einen Kamm scheren kann. 21-jährige möchten selten an einem Ort sein, an dem auch 14-jährige gerne sind. Hier braucht es ganz unterschiedliche Angebote und Ansprachen oder einen sehr sensiblen Umgang, der jeder Altersgruppe einen individuellen Zugang ermöglicht.
Zu guter Letzt spielen saisonale Anforderungen und Bedingungen eine große Rolle. Im Winter brauchen junge Menschen andere Angebote als im Sommer, das liegt in der Natur der Sache, beeinflusst aber natürlich die Nutzung und Attraktivität von Angeboten.
Wenn du drei Tipps an andere Städte geben könntest, die ihre Innenstadt mit ähnlichen Projekten vitalisieren möchten – welche wären ?
- Gib jungen Menschen Raum und Verantwortung, also weniger Kontrolle und mehr Vertrauen und Mitgestaltung.
- Teste niedrigschwellig und offen, denn vorgefertigte Konzepte können ausbremsen. Lieber ausprobieren, evaluieren und iterieren. Und
- Vernetze durch Kooperation! Schulen, Vereine, Institutionen, Verwaltung und Handel sollten alle in einem Boot sitzen. Das schafft Synergien und Sichtbarkeit.
Und zum Schluss: Was nimmst du persönlich aus diesem Jahr HOMie mit?
Für mich persönlich war das Jahr HOMie sehr bereichernd. Ich habe überzeugend gesehen, dass Innenstadtentwicklung nicht nur über bauliche Maßnahmen funktioniert, sondern vor allem über Gemeinschaft, Begegnung und neue Nutzungsideen. Das Jahr hat mir gezeigt, dass Veränderung möglich ist, wenn man den Mut hat, auszuprobieren und gemeinsam mit der Zielgruppe Schritt für Schritt zu lernen. Und ich nehme mit, dass Vertrauen, Offenheit und eine gute Portion Flexibilität die wichtigsten Zutaten für ein lebendiges Innenstadtprojekt sind – und dass es sich lohnt, auch mal unkonventionelle Wege zu gehen.











