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„Der Handel vor Ort ist entscheidender Dreh- und Angelpunkt“ – Im Gespräch mit Josef Sanktjohanser

Autorin: Jalina Küppers | Datum:

Anlässlich der Jubiläen des IFH Köln (90 Jahre) und des Handelsverbands Deutschland (100 Jahre) haben wir mit Josef Sanktjohanser, Präsident des HDE und Präsident der IFH-Förderer, über zukunftsrelevante Handelsthemen gesprochen.

Nicht zuletzt durch Ihre starke Verbundenheit mit den IFH-Förderern stehen Sie in engem Austausch mit dem IFH. Womit verbinden Sie das IFH und die bisherige Zusammenarbeit?

Das IFH leistet mit seinen Studien unverzichtbare Grundlagenarbeit für die ganze Branche. Nur wenn zuverlässige Daten und Fakten vorliegen, kann man als Unternehmer die richtigen Entscheidungen treffen. Und der HDE kann somit seinen politischen Forderungen Nachdruck verleihen. Insofern ist die Zusammenarbeit mit dem IFH ein unheimlich wertvoller Bestandteil der Arbeit des HDE für die ganze Branche. Ein Paradebeispiel ist sicher der gemeinsame Online-Monitor, der flächendeckend als Grundlage für die Einschätzung des deutschen Onlinehandels gilt.

Auch der HDE hat dieses Jahr allen Grund zum Feiern und blickt auf zahlreiche Handelserfahrungen zurück. Was denken Sie, welches Thema beschäftigt den Handel – und damit auch den HDE – in den nächsten Jahren am stärksten?

Das ist eindeutig die Digitalisierung mit all ihren Anwendungsmöglichkeiten. Die Branche erlebt derzeit den größten Strukturwandel seit Einführung der Selbstbedienung – und das wird die nächsten Jahre so weitergehen. Gerade viele kleine und mittelständische Unternehmen haben es schwer hier mitzuhalten. Als HDE müssen wir dafür sorgen, dass die politischen Rahmen-bedingungen allen Unternehmen die gleichen Digitalisierungschancen geben. Gleichzeitig müssen wir eine gesamtgesellschaftliche Debatte über die Bedeutung vitaler Innenstädte führen. Denn der Handel vor Ort ist entscheidender Dreh- und Angelpunkt. Ohne Handel stirbt die Stadt, sterben ganze Dorfgemeinschaften.

Viele deutsche Innenstädte erleben Frequenzverluste, die Umsatzeinbußen bei den Händlern und folglich auch Leerstände nach sich ziehen. Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach seitens der Politik erforderlich, um den innerstädtischen Handel zu stärken und die Innenstädte auch in Zeiten der Digitalisierung für Konsumenten attraktiv zu machen?

Die Politik muss den Breitbandausbau endlich flächendeckend anpacken. Viele Händler können kaum oder gar keine digitalen Services anbieten, weil die technischen Voraussetzungen fehlen. Bleibt dies so, verlieren wir die Digital Natives – und damit die Zukunft. Gleichzeitig geht es aber auch um klassische Standortpolitik. Straßen, Parkplätze und der öffentliche Nahverkehr müssen instandgehalten und teils auch ausgebaut werden. Die Baukultur der Städte muss für ein attraktives Einkaufserlebnis stehen.

Bereits Anfang des Jahres hat der HDE über die Forderungen des Handels, wie z. B. eine faire Basis für die Digitalisierung der Branche, für die Europawahl im Mai entschieden. Welche Rahmenbedingungen müssen durch die Politik geschaffen werden, damit der deutsche Handel neue digitale Technologien überhaupt erfolgreich für sich nutzen kann?

Globalisierung und grenzenloser Onlinehandel dürfen nicht dazu führen, dass heimische Händler unter Wettbewerbsverzerrungen leiden. Wer hierzulande Waren verkauft, muss sich auch an unsere Regeln halten. Das ist bei Verkäufen aus Fernost über Onlineplattformen und Marktplätze leider noch nicht immer der Fall. Deshalb ist es richtig, dass die Politik Ansätze entwickelt, die Plattformen als Vermittler der Verkäufe in die Pflicht zu nehmen. Außerdem braucht es mehr Innovations-freundlichkeit. Ich mache mir Sorgen, dass wir ein Land werden, dass viele gute Ideen im Keim erstickt. Beispielsweise diskutiert die Politik einen Algorithmen-TÜV. Wenn Unternehmer ihren Algorithmus offenlegen müssen, verlieren sie ihren Innovationsvorsprung und müssen Einblick in ihre Unternehmensgeheimnisse geben.

Im Anschluss an die Faszination Handel, die sich auch mit dem Thema Plattformen beschäftigt, findet die Jubiläumsfeier statt. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Für mich ist der Austausch mit langjährigen Weggefährten am wichtigsten. Ich sehe diese Feier als Zeichen für den großen Erfolg des IFH und als Versprechen für eine spannende und erfolgreiche Zukunft des Institutes.