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13. Juli 2026

„Du wirst nie mit dem Fahrrad fahren, das Fahrrad wird immer mit dir fahren.“ Diesen Satz hörte ich vor einigen Jahren völlig unerwartet bei einem Besuch in einer Fahrradwerkstatt. Eigentlich wollte ich nur neues Lenkerband montieren lassen. Stattdessen nahm ich eine gehörige Portion Verunsicherung mit nach Hause.

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch relativ neu auf dem Rennrad. Mein Rad passte, ich fühlte mich darauf wohl und hatte bereits einige längere Touren absolviert. Doch ein einziger Kommentar reichte aus, um Zweifel zu säen. Hatte ich die richtige Rahmengröße gewählt? Passte die Geometrie wirklich zu mir? Plötzlich verbrachte ich mehr Zeit mit dem Vergleich von Tabellen und Erfahrungsberichten als auf dem Sattel. Rückblickend betrachtet erzählt diese kleine Episode nicht nur etwas über meine Anfänge im Radsport. Sie steht exemplarisch für Erfahrungen, die viele Frauen in Fahrradläden, Werkstätten oder Beratungsgesprächen machen. Und genau deshalb passt sie so gut zu den Ergebnissen unserer neuen Studie „Wirtschaftsfaktor Frau“ gemeinsam mit Women in Cycling Germany.

Frauen sind keine Randzielgruppe

Die Studie zeigt etwas, das in der Branche eigentlich längst offensichtlich sein sollte: Frauen sind keine Randzielgruppe. Sie sind eine der größten wirtschaftlichen Chancen des gesamten Fahrradmarktes. Frauen stellen mehr als die Hälfte der Bevölkerung und verantworten bereits heute ein Marktvolumen von rund 4,46 Milliarden Euro. Trotzdem entfallen derzeit nur 38 Prozent des Umsatzes im Fahrradsegment auf weibliche Kundinnen. Bei Bekleidung liegt der Anteil sogar lediglich bei 28 Prozent. Die Ergebnisse zeigen damit eine erhebliche Lücke zwischen Marktpotenzial und tatsächlicher Ausschöpfung. Besonders bemerkenswert: Während der Gesamtmarkt laut Prognosen bis 2030 weitgehend stagniert, könnten durch eine bessere Ansprache und Aktivierung weiblicher Zielgruppen zusätzliche Umsätze von bis zu 950 Millionen Euro erschlossen werden.

Interesse ist da, aber der Zugang entscheidet

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie lautet für mich: Frauen fehlt es nicht an Interesse. Für viele ist das Rad bereits jetzt fester Bestandteil des Alltags, andere würden es gerne noch häufiger nutzen. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Nachfrage, sondern in den Hürden, die zwischen diesem Interesse und der tatsächlichen Kaufentscheidung und Nutzung stehen: fehlende Orientierung und Beratung auf Augenhöhe, Unsicherheiten, Lücken im Produktangebot oder eine Kommunikation, die an den Bedürfnissen vieler Frauen vorbeigeht. Nicht die Motivation fehlt, sondern der Zugang. Genau hier entscheidet sich, ob aus Interesse eine Kundin wird.

Es geht um Vertrauen, nicht um technische Datenblätter

Wir sehen, dass Frauen ihre Kaufentscheidung häufig anders treffen als klassische Branchenbilder vermuten lassen. Natürlich interessieren sich viele Kundinnen auch für technische Details. Häufig stehen jedoch zunächst andere Fragen im Mittelpunkt: Passt das Fahrrad zu meinem Alltag und erleichtert es mir diesen? Fühle ich mich sicher darauf? Verstehe ich die Unterschiede zwischen den Modellen? Werde ich gut beraten und ernst genommen? Vertrauen und persönliche, bedürfnisorientierte Beratung spielen eine zentrale Rolle. Genau deshalb kommt dem Fachhandel eine Schlüsselposition zu. Wer Kundinnen Sicherheit vermittelt und sie auf ihrer gesamten Customer Journey begleitet, schafft die Grundlage für langfristige Kundenbeziehungen und für zusätzliches Wachstum.

Wachstum beginnt mit Zuhören

Die Studie identifiziert fünf unterschiedliche Typen von Fahrradfahrerinnen – von leidenschaftlichen Vielfahrerinnen bis hin zu Frauen, die das Fahrrad zwar nutzen möchten, aber durch konkrete Barrieren ausgebremst werden. Besonders interessant für die Branche: Rund die Hälfte aller Frauen gehört zu Segmenten mit hohem Aktivierungspotenzial. Für Hersteller, Händler und Dienstleister bedeutet das eine wichtige Botschaft: Wachstum entsteht künftig weniger durch immer neue Zielgruppen als durch ein besseres Verständnis der Menschen, die bereits Interesse am Fahrrad haben. Wer Frauen besser versteht, entwickelt meist auch bessere Produkte, verständlichere Kommunikation und zugänglichere Services für alle anderen Kundengruppen.

Die Zukunft der Branche ist inklusiver

Wenn ich heute an den Satz aus der Werkstatt zurückdenke, muss ich schmunzeln. Nicht, weil er richtig war. Sondern weil er beispielhaft für eine Denkweise steht, die in Teilen der Branche noch immer anzutreffen ist. Die gute Nachricht: Das lässt sich ändern. Die Fahrradbranche hat es selbst in der Hand, Frauen stärker einzubinden, ihre Bedürfnisse besser zu verstehen und sie gezielter anzusprechen. Nicht nur aus Gründen der Gleichstellung, sondern weil es wirtschaftlich sinnvoll ist. Denn eine Branche, die mehr Menschen erreicht, Barrieren abbaut und unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigt, wird am Ende innovativer, erfolgreicher und zukunftsfähiger sein. Die größte Wachstumschance der Fahrradbranche liegt möglicherweise nicht in neuen Technologien oder Produktkategorien, sondern darin, Frauen als selbstverständlichen Teil des Marktes zu verstehen.

Mehr erfahren

Hier geht’s zum kostenfreien Download der Studie.

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